Mahnmal

Das Mahnmal zeigt einen Ausschnitt des Stimmzettels für die Wahl des „Großdeutschen Reichstags“ und für die „Volksabstimmung zur Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ am 10. April 1938. Es verweist auf die Gefahr der Aushebelung demokratischer Prinzipien in einer Gesellschaft. Das Mahnmal entstand auf Initiative des WasserCluster Lunz in Kooperation mit der Abteilung Kunst und Kultur / Kunst im öffentlichen Raum des Landes Niederösterreich. Es handelt sich um eine Arbeit des Künstlers Florian Pumhösl, dessen Konzept im Zuge eines geladenen Wettbewerbs zur Realisierung empfohlen wurde.

Das „Nein“ des Lunzers Wilhelm Mathes

Die Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich war weder frei noch geheim und schloss rund acht Prozent der vormals wahlberechtigten ÖsterreicherInnen aufgrund der rassistischen Bestimmungen des NS-Staats von der Teilnahme an dieser Abstimmung aus, wie z.B. jüdische BürgerInnen. Die Volksabstimmung erzielte in Österreich bei einer sehr hohen Wahlbeteiligung eine Zustimmung von 99,7 Prozent. Nur vereinzelt stimmten BürgerInnen demonstrativ mit Nein. Das hatte oft unmittelbare Konsequenzen, wie etwa für Wilhelm Mathes aus Lunz. Aufgrund seines Votums wurde Mathes von der Gendarmerie unter Beteiligung lokaler NationalsozialistInnen festgenommen. Auf dem Weg von seiner Wohnung zur Wachstube in Lunz wurde Mathes von Teilen der Ortsbevölkerung wüst beschimpft und bedroht, in Sprechchören wurde auch seine Einweisung ins Konzentrationslager Dachau gefordert.

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Wilhelm Mathes‘ zu den Folgen seines „Nein-Votums“: „Ich stieg aus und sah nun, dass ein wohl geordnetes Spalier auf mich wartete. Vorne standen die kleinen HJ-Buben und hinter diesen die Erwachsenen. Kaum, dass ich aus dem Wagen herausstieg, als schon eine Brüllerei losging. […] Während ich einvernommen wurde, stand vor der Gendarmerie eine große Menschenmenge, die brüllte in Sprechchören „Auf nach Dachau“, „Liefert ihn aus der Volksjustiz“, „Volksverräter“. Die Volksmenge wurde immer wilder, es wurde glaublich ein Fenster eingeschlagen und haben dann die Gendarmen die Fensterläden zugemacht, worauf die Bevölkerung auf die zugemachten Fensterläden wild einschlug und weiter im Sprechchor brüllte.“

(Aussage von Wilhelm Mathes vor dem Volksgericht, 1946. Wiener Stadt- und Landesarchiv)


Faksimile des Stimmzettels für die Reichstagswahl in Deutschland und die Volksabstimmung zur „Wiedervereinigung Österreichs mit dem deutschen Reich“, 10. April 1938.

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

In diesem Ende der 1930er-Jahre als „Gaujugendheim“ errichteten Gebäude, das in den 1970er-Jahren erweitert wurde, 2005 renoviert wurde und seit 2005 Teil des WasserCluster Lunz ist, waren ab 1940 auch Angehörige der deutschen Minderheiten aus Süd- und Südosteuropa („volksdeutsche Umsiedler“) einquartiert. Darüber hinaus diente das Gebäude regelmäßig für Wehrertüchtigungslager und als Kanzlei des Leiters der Lunzer HJ-Lager.

Foto nach 1945, WasserCluster Lunz

 

Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt in der NS-Zeit

Im Juni 1938 wurden die gebürtigen Lunzer Salomon Neuner und Karl Fallmann in das KZ Dachau deportiert. Neuner, Mitglied der einzigen in Lunz ansässigen jüdischen Familie, starb am 16. Dezember 1938 im KZ Buchenwald. Fallmann kam unter der SS-Kategorie „Polizeiliche Sicherungsverwahrung“ am 8. August 1938 mit dem ersten Transport aus Dachau in das KZ Mauthausen, wo er am 3. Februar 1939 Selbstmord beging. Die weiteren Mitglieder der Familie Neuner, Hermine, Friedrich und Ferdinand Felix, wurden aus Lunz vertrieben, im Mai 1942 nach Maly Trostinec deportiert und dort ermordet. Vor Ort in Lunz kam es wiederholt zu Gewaltakten gegen ZwangsarbeiterInnen und in der Ortsbevölkerung zu mehreren Fällen von Denunziation wegen „Heimtücke und Wehrkraftzersetzung“.

 

„Wehrertüchtigung“ im heutigen WasserCluster-Gebäude

An der Stelle des heutigen WasserCluster existierte bis Ende der 1930er-Jahre das als Jugendheim genutzte „Seereith-Bauernhaus“. Ab dem Sommer 1940 war hier das neu gebaute „Gaujugendheim“ unter anderem Organisationszentrale für die Lunzer Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend. Im Herbst 1944 übernahm der Leutnant der Wehrmacht, Ernst Burian, die Leitung der Lunzer HJ-Lager, die an mehreren Standorten bis zu 500 Hitlerjungen Platz boten. Die 14- bis 18-jährigen Jungen wurden vier bis sechs Wochen mit Gelände- und Schießübungen militärisch ausgebildet und mit Vorträgen im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie politisch-weltanschaulich indoktriniert. Die Wehrertüchtigungslager wurden im Gau Niederdonau (heutiges Niederösterreich) vom HJ-Gebietsführer Josef Kracker-Semler geleitet, der sich im Mai 1945 aus Wien kommend nach Lunz zurückzog. Sowohl Burian als auch Kracker-Semler waren in der Kriegsendphase im Großraum Lunz am See an massiven Verbrechen beteiligt.

Die Vertreibung der Familie Neuner sowie die Arisierung ihres Hauses ist auch in der Lunzer Gendarmeriechronik dokumentiert: „Die einzige hier sesshafte Judenfamilie Neuner musste Lunz am See verlassen. Das Haus mit Garten hat die Sparkasse Waidhofen an der Ybbs erworben und eine Filiale ihres Betriebs errichtet.“ Gendarmeriechronik Lunz am See, 10. April 1940

 

Das Foto zeigt Jungen eines der Lunzer Lager der erweiterten Kinderlandverschickung (KLV) vor der Pfarrkirche. Die 4. Klasse des Jungen-Gymnasiums Johanneum in Lübeck war im Jahr 1943 für sechs Monate in Lunz am See im Gasthaus Grubmayr einquartiert. Die erweiterte KLV diente der Unterbringung von SchülerInnen zwischen zehn und 14 Jahren aus den vom Luftkrieg bedrohten deutschen Städten in weniger gefährdeten Regionen. Auch im Zuge dieser KLV-Lager erfolgte eine gezielte Indoktrinierung der SchülerInnen im Sinne des NS-Regimes.
Fotoalbum Gerd Matthiae, 1943. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.

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Lunz am See als Rückzugsort

Lunz am See war für das nationalsozialistische Regime nicht nur als Standort für HJ-Lager, sondern auch für die erweiterte Kinderlandverschickung von großer Bedeutung. Außerdem führte die deutsche Wehrmacht auf der Gstettneralm Kälteversuche mit militärischen Fahrzeugen durch und aufgrund seiner geografischen Lage war Lunz am See in der letzten Kriegsphase ein Rückzugsort vor den vorrückenden alliierten Truppen. Darunter auch für Einheiten der Waffen-SS, die im Bezirk Scheibbs zwischen 13. und 19. April 1945 drei Massaker verübten.

 

Endphaseverbrechen in Lunz am See und in der Region

In Göstling an der Ybbs, Randegg und Gresten wurden an die 200 ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen ermordet. Unter den Tätern befand sich auch Ernst Burian, der für seine Beteiligung an den Massakern im Juni 1948 von einem Volksgericht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, jedoch bereits Ende 1953 wieder frei kam. Burian war auch in die Ermordung des Lunzer Hausbesitzers Rudolf Obendorfer involviert. Obendorfer war am Nachmittag des 8. Mai 1945 vor dem heutigen WasserCluster-Gebäude mit HJ-Gebietsführer Josef Kracker-Semler in Streit geraten und wurde in der folgenden Nacht im Keller des Gebäudes von unbekannten Angehörigen der HJ-Lagerleitung ermordet. Kracker-Semler wurde unter anderem, weil er Obendorfer beleidigt und in seiner Menschenwürde gekränkt hatte, zu 20 Jahren Haft verurteilt, aber bereits im August 1954 auf Bewährung freigelassen.

 

 

Landkarte der Region Lunz am See / Göstling an der Ybbs / Gresten / Randegg. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges war der Bezirk Scheibbs Schauplatz mehrerer Massaker an ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen, die teils in Lagern zur Zwangsarbeit festgehalten wurden oder auf „Todesmärschen“ in Richtung KZ Mauthausen getrieben wurden. Angehörige der Waffen-SS ermordeten mit Unterstützung von örtlichen HJ-Führern in Göstling an der Ybbs, Gresten und Randegg rund 200 Menschen, hinzu kam die Ermordung von Rudolf Obendorfer im Keller des heutigen WasserCluster Lunz.

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Text: Zeithistorisches Zentrum Melk
Johanna Zechner, Christian Rabl
mit Unterstützung von Hannes Kammerstätter
Mahnmalentwurf: Florian Pumhösl

 

 

 

 

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